Mitte November nahmen ZVA-Präsident Thomas Truckenbrod und der stellvertretende Vorsitzende des AOV NRW und ZVA Vizepräsident Christian Müller an den Sitzungen der Gremien des europäischen Berufsverbandes ECOO (European Council of Optometry and Optics) in Athen teil. Im Interview berichtet Christian Müller über die Themen, die besprochen wurden und beantwortet die Frage, welche Relevanz diese Zusammenarbeit auf europäischer Ebene für die deutsche Augenoptik hat.

C. Müller: Wir sehen es momentan bei der geänderten ab Mai 2020 geltenden Medizinprodukteverordnung. Die europäischen Gremien in Brüssel beachten uns nur, wenn wir als europäischer Verband sprechen. Man muss immer die Augen und Ohren offenhalten, in Brüssel eine Vertretung besitzen und dort in den Ausschüssen vertreten sein, bevor die Bundesregierung europäische Verordnungen umsetzen muss, welche den Beruf in seiner Ausübung behindern. Es wird immer wichtiger, in Europa einen Fuß in der Tür zu haben.

Es gibt auch viele Unterschiede innerhalb der EU. Was viele zum Beispiel gar nicht wissen, in den Niederlanden darf jeder Brillen fertigen. Genauso in Großbritannien. In beiden Ländern ist es so, dass es ausschließlich für Kinderbrillen, Low Vision und hochgradige Fehlsichtigkeit eine Regulation gibt, sprich, dass eine ausgebildete Fachkraft die Versorgung vornimmt. Deshalb müssen diese Mitglieder davon überzeugt werden, mit uns, die die Verordnung stärker betrifft, an einem Strang zu ziehen.

Ein anderes Beispiel: Vergangene Woche hatten wir das G4 Treffen. Ein Treffen der Augenoptikerverbände aus Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland. Dort haben wir auch über die Medizinprodukteverordnung gesprochen. Die Franzosen, die nicht in der ECOO Mitglied sind, waren entsetzt angesichts der Forderung einer schriftlichen Verordnung für jede zu fertigende Brille. In Frankreich haben Augenoptiker keine Verordnungsfähigkeit. Genau umgekehrt zu Großbritannien, wo nur Optometristen verordnen, dort gibt es keine niedergelassenen Augenärzte. In Frankreich haben sich die Augenoptiker immer ans Handwerk geklammert. Jetzt heißt es plötzlich „schriftliche Verordnung“. Die französischen Kollegen hatten bisher noch nicht wahrgenommen, dass die Medizinprodukteverordnung sie betrifft und in ihrer Berufsausübung behindern wird.

Optikernetz: Das heißt aber, eine Vergleichbarkeit des Berufs innerhalb der EU ist nicht gegeben?

C. Müller: Im Gesundheitswesen ist überhaupt keine Vergleichbarkeit gegeben, ausschließlich die ärztliche Profession ist europaweit geregelt. Es gelten primär nationale Regularien. Aber: Wenn es irgendwo eine Liberalisierung gibt und auf der anderen Seite einen regulierten Markt, dann fragt die EU: „where is the difference?“ – und funktioniert der Markt ohne Regulation besser, oder schlechter? Wenn es keinen Unterschied gibt, wird die Regulation aufgehoben! Deshalb ist es wichtig, die optischen Normen zu beachten und die Optometrie zu fördern.

Optikernetz: Wie ärgerlich ist es, dass man gerade angesichts des HHVG durchatmen konnte und jetzt der nächste Hammer kommt?

C. Müller: Wir werden immer in dem Bereich Gesundheitspolitik vor neue Hürden gestellt werden. Das ist nachvollziehbar, die Hürden sind wichtig. Bisher war es so, dass sich der Kunde darauf verlassen musste, dass seine Brille nach dem Stand der Technik gefertigt wurde. Jetzt muss der Augenoptiker nachweisen, dass er sie nach dem Stand der Technik angefertigt hat. Zum Beispiel messen viele Kollegen bei Einstärkenbrillen keine Einschleifhöhe, das muss nach Arbeitsrichtlinie und Norm aber sein! Das ist der Stand der Technik! Die Arbeitsrichtlinien werden wichtiger.

Optikernetz: Augenoptiker müssen demnächst alle Daten abgeben und die Gefahr in Kauf nehmen, dass der Kunde damit zur Konkurrenz oder einem Onliner geht?

C. Müller: Ich kann PD halbe angeben, ich kann aber auch die fassungsbezogenen x/y-Maße angeben, wie es die DIN-Norm verlangt! Wir müssen aufpassen, welche Daten in das Dokument kommen, welches in Zukunft jeder Kunde bei Abgabe einer neuen Brille erhalten muss. Da werden wir als Berufsverband aufpassen und den Kollegen helfen. Es wird zwar ein wenig aufwändiger, aber eigentlich halten wir alle Daten schon jetzt vor, so dass sich die Mehrarbeit in Grenzen halten wird.

Optikernetz: Die Medizinprodukteverordnung war also auf jeden Fall das Hauptthema?

C. Müller: Genau, in allen Facetten. Es geht ja nicht nur um Brillengläser. Auch Vertreter der Kontaktlinsenindustrie haben referiert. Sie trifft es sehr hart. Die meisten Kontaktlinsen werden wahrscheinlich teurer, da erweiterte Auflagen zu erfüllen sein werden bezüglich der Produktsicherheit. Die Hersteller wissen heute noch nicht genau, was alles auf sie im Mai zukommt! Es werden u.a. klinische Studien verlangt, deren Anforderungen noch nicht vorliegen. Die Industrie ist sich einig, dass die Masse an verfügbaren Linsensystemen aller Wahrscheinlichkeit nach zurückgehen wird. Das kann auch für uns als Anpasser ein Problem werden, weil wir manchmal Nischenprodukte benötigen. Die Hersteller von Hartlinsen dagegen haben jetzt schon eine Menge erreicht, weil jede ihrer Linsen ist ein individuelles Produkt ist. Es kann aber auch sein, dass es an dieser Stelle zu Preissteigerungen kommt.
Ein weiteres Thema: Fluoreszein. Dieser Farbstoff ist sehr wichtig für die Hartlinsenanpassung. Er wird ab 2022 Beachtung finden, weil die EU noch nicht weiß, ob es ein Pharmakon ist, welches in der Apotheke abgeben werden muss. Die Teststreifen werden weiterhin zur Verfügung stehen. Diese werden jedoch in Zukunft eine CE Kennzeichnung aufweisen müssen und werden klinisch geprüft werden müssen. Diese geforderte Zulassung für ein altbewährtes Produkt ist notwendig. Die Zulassungsregularien sind sehr aufwändig und werden zu extremen Preissteigerungen führen, denn es ist zu befürchten, dass nur noch ein Anbieter für Fluostreifen am Markt sein wird.

Noch einmal zur MDR bezüglich der „written prescription = schriftliche Verordnung“, welche ausdrücklich für jede neu zu fertigende Brille verlangt wird. Die europäische Verordnung ist seit 2017 bekannt, wie das Ganze ausgelegt wird, ist national sehr unterschiedlich, weil dies immer von den nationalen Gesundheitsgesetzgebungsverfahren abhängig ist. Für Deutschland haben wir jetzt den Stand erreicht, dass der Gesetzentwurf zur Anpassung der EU Verordnung in nationales Recht vom Ministerium ins Parlament eingereicht wurde. Da an vielen Stellen explizit die Gesundheitshandwerke als befähigt zur schriftlichen Verordnung benannt sind, ist zurzeit alles in unserem Sinne. Allerdings müssen wir aufpassen, dass das Wort „ärztlich“ oder „medizinisch“ keinen Einzug in das Anpassungsgesetz findet, eine ärztliche Verordnung heißt im englischen im übrigen „medical prescription“, diese wird ausdrücklich von der EU nicht verlangt!

Optikernetz: Welche anderen Themen wurden besprochen?

Ein wichtiges Thema war die Myopie. Außerdem möchte die EU in Zukunft nicht nur Ware normieren, sondern auch Dienstleistungen. Bei uns ist das Brillenglas in Zukunft ein Medizinprodukt, die Brillenfassung auch. Da dürfen bestimmte Schadstoffe nicht drin sein, sie müssen nach bestimmten Kriterien gefertigt werden, all das ist normiert. Aber wir sind uns alle im Klaren darüber, dass der Kunde, wenn wir die Brillengläser falsch in die Fassung einarbeiten, nicht gut sehen kann, obwohl die beiden Medizinprodukte in Ordnung sind. So ähnlich ist es mit der Kontaktlinse. Wenn diese falsch angepasst ist, wird der Kunde hinterher Schmerzen haben oder schlecht sehen. Das ist Dienstleistung und dazu gibt es bisher, von wenigen Berufen abgesehen, wenige Normen.

Es ging weiterhin um „driving and vision“. Dabei geht es um Wiederholungssehteste und eine europaweite Standardisierung der Sehteste.

Ein weiteres Thema, das für die EU und ECOO sehr wichtig ist, ist das Bluebook. 2020 kommt eine Neuauflage. Darin steht, welche Ausbildung und Kompetenzen für Augenoptiker und Optometristen in den Mitgliedsstaaten gelten.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz waren natürlich auch auf der Tagesordnung zu finden. Anwendungsmöglichkeiten dafür in der Augenoptik? Da sind die Skandinavier viel weiter als wir in Deutschland, dort ist Telemedizin an der Tagesordnung. Aber dort ist auch eine ganz andere Infrastruktur. Die Lage ist hier natürlich ganz anders. Dennoch kommt einiges auf uns zu, denn Digitalisierung ist auf jeden Fall ein Thema, welches uns alle in Zukunft berühren wird. Man kann sagen: Früher war die Refraktion das A und O des Augenoptikerberufs. Diese wird aber mittelfristig automatisiert sein. Was wichtiger wird: Man muss die Augenkrankheiten kennen, man muss interdisziplinär denken. Wir müssen davon weg zu sagen, der primäre Sinn und Zweck ist es Brillen zu verkaufen. Um Erträge zu erwirtschaften stimmt das zwar, aber es muss eine Verlagerung hin zu unseren Dienstleistungen geben.

Optikernetz: Vielen Dank für das Interview.



Augenoptiker- und Optometristenverband NRW
(Landesinnungsverband)
Ruhrallee 9
44139 Dortmund

Telefon 0231 55 22-100
Fax 0231 55 22-111
E-Mail info(at)aov-nrw.de ×